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Ich bin mir zuweilen nicht
sicher, wen ich für den Größeren halten soll, Ludwig van Beethoven oder
Gustav Mahler, und ich helfe mir dann aus meiner subjektiven
Verlegenheit, dass ich diese Frage für unerheblich erkläre. Als
Sinfoniker haben sie uns Heutigen und der Musikgeschichte beide
entscheidende und richtungweisende Impulse gegeben. Unter Einbezug der
verschiedenen Gattungen war Beethoven der bei weitem Umfänglichere.
Seine gesamte Kammermusik (bei Mahler kaum vorhanden), seine Messe in
C-Dur und die gewaltige Missa solemnis, seine Klavierkonzerte, das
Tripelkonzert, die
Violinromanzen und das Violinkonzert, die Oper Fidelio, seine
Schauspielmusiken, all dieses offenbart einen musikalischen Kosmos, der
schier unendlich scheinen will. Mit Beethoven hat die Musikgeschichte
die Klassik bereits verlassen und sich der Romantik zugewandt. Und oft
will es scheinen, als habe Beethoven die Romantik schon übersprungen und
führe direkt in die Moderne. Das Adagio aus Karl Amadeus
Hartmanns sechster Sinfonie erinnert mich nicht nur entfernt an
Beethovensche Adagii. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich nur allein
diesen Eindruck haben sollte.
Dann der ganz
unverwechselbare Klang seiner Orchestermusik. Bereits in seiner ersten
Sinfonie (C-Dur) ist dieser Klang zu spüren. Ungewöhnlicherweise beginnt
der erste Satz (Adagio molto) mit einem Septimakkord (C7), der nach
Auflösung (F) drängt. Eine zweite Dissonanz (G7) folgt, die sich nach C
auflöst. Und erst nach 12 Takten leitet diese Introduktion zum
eigentlichen Hauptthema (Allegro con brio) über. Das geht alles weit
über Mozarts Jupiter-Sinfonie hinaus, die oft im Zusammenhang mit
Beethovens Erster erwähnt wird.
In seiner zweiten Sinfonie
(D-Dur) dauert das einleitende Adagio molto noch länger, bis sich das
Allegro con brio (als eigentliches Satztempo) mit dem Hauptthema in
Bratschen und Violoncelli unverkennbar meldet.
Die dritte Sinfonie
(Eroica) wird in Instrumentierung und Harmonik deutlich rauer, während
die Vierte ein ausgesprochen schwungvolles Stück ist. In der Fünften
schließlich ist ein einsamer Höhepunkt abendländischen sinfonischen
Schaffens erreicht. Ein knappes Motiv reicht als Keimzelle für eine
ganze Sinfonie!
In der sechsten
Sinfonie haben wir es mit einem schönen und heiteren Werk zu tun, das
leider von lahmarschigen Dirigenten oft so verhunzt wurde, dass man sich
nur zu Tode langweilen und weghören konnte. In den richtigen Tempi
gespielt (hier waren Michael Gielen und Roger Norrington
richtungweisend) ist es ein wunderbares Stück sinfonischen Schaffens.
Die "tänzerische" Siebte
und ihre Synkopen vor allem im letzten Satz sind mit das Belebendste,
was ich je gehört habe. Die Achte mit ihren gewollten Anklängen an Mälzels
Metronom, ein schönes heiteres Werk!
Und dann die Neunte! Sie,
die schon in der Fantasie c-moll für Chor, Klavier und Orchester (op. 80) eine
gewisse Vorbereitung erfuhr, und die Missa solemnis, Meilensteine der
Sinfonik! Alles was danach geschrieben wurde, ist ohne diese
Kulminationspunkte nicht denkbar.
Ich habe zu Beethovens
Musik einen unmittelbaren Zugang. Mit seinen Lebensdaten (1770-1827)
reicht er in das Jahrhundert hinein, in dem mein Großvater geboren wurde
(1890). Sie spricht mich mit ihrer unverstellten Wucht an, sie berührt
mich zuinnerst mit ihren ruhigen Passagen. Ein solcher Zugang ist mir
beispielsweise zu den Werken eines Johann Sebastian Bach (der laut dem
ihn schätzenden Beethoven besser Meer hätte heißen sollen) nicht
gegeben. Auch Haydn und Mozart, die ich durchaus schätze und gern höre,
können nicht diese Resonanz in mir auslösen.
Ich habe nebst Partituren
einiges an Literatur über Beethoven, wobei natürlich auch gewisse
Skurrilitäten aus dem Leben dieses fantastischen Mannes berichtet
werden. Da sind Dinge dabei, die einen vor Lachen vom Klavierhocker
fallen lassen, so wenn er sich erhitzt einen Kübel Wasser über den Kopf
schüttet, das durch die nicht sehr wasserfeste Decke seinen Weg in die
Wohnung darunter nimmt. Über die Tragik seines Lebens (Taubheit) möchte
ich mich hier nicht weiter verlieren. Sie kann einen mitfühlenden und
musikalischen Menschen nur erschüttern.
Wenn ich zu Hause
Beethovensche Musik höre, dann bin ich meistens für mich allein. Dem
Lautstärkeregler am Verstärker wird der Befehl "Sinfonik" gegeben, die
er sofort und ohne zu Murren an Lautsprecherboxen und Subwoofer
weiterleitet. Und dann tauche ich ein in den Beethovenschen Kosmos und
bin beim Auftauchen oft auf angenehme Weise erschöpft. |