Brahms

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Johannes Brahms 1833-1897

Meine wesentliche Assoziation zu Brahms, d.h. jene, die sich am schnellsten einstellt, ist ein trüber Novembertag. Das hängt mit seinem von mir hoch geschätzten Klavierlied "Auf dem Kirchhofe" (Text Detlev von Liliencron) zusammen: "Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt..." Das Trübe eines Novembertages, dem Monat, an dessen erstem Tag meine Großmutter und ich gemeinsam Geburtstag haben, schreckt mich nicht. Ich liebe diese Stimmung, im übrigen weit entfernt davon, depressiv zu sein. An solchen Tagen sitze ich selbst gern am Klavier und schreibe, hin und wieder nach draußen schauend.

 

Dies ist jedoch nicht die alleinige Vorstellung, die sich bei mir mit Brahms verknüpft. Der Schöpfer der launigen und handfesten "Akademischen Festouvertüre" war in seinen Wiener Zeiten auch ein ebenso feierlauniger und regelmäßiger Puffgänger, der den Mädels gern mal eins aufspielte. Seine Herkunft aus dem Hamburger Gängeviertel, wo er sich schon früh etwas Geld am Klavier verdiente, bildete hierbei wohl den entsprechenden Untergrund.

 

Auf seine (immer wieder breitgetretene) Liebesbeziehung zu Clara Schumann, der wohl die Erfüllung versagt blieb, gehe ich hier nicht ein. Fest steht, dass er sie und deren Kinder bis an Claras Lebensende auch finanziell unterstützt hat. Brahms war ein äußerst erfolgreicher Komponist.

 

Was mir auch immer ein Grinsen (nicht Lächeln) abnötigt, sind seine Sottisen gegenüber Bruckner (wiewohl ihre Authentizität wohl meistenteils doch bezweifelt werden muss), den er an dessen Lebensende sehr bedauerte: "Bruckner liegt jenseits, über seine Sachen kann man gar nicht reden. Er ist ein armer verrückter Mensch, den die Pfaffen von St. Florian auf dem Gewissen haben." Er soll sich zu dessen Begräbnisfeier unbemerkt herbeigeschlichen und vor deren Ende tränenfeucht entfernt haben.

 

Ein mich komplett vereinnahmender Brahms spricht zu mir aus seinen vier Sinfonien. Er, der sich immer gegen die Bezeichnung "legitimer Nachfahre Beethovens" gewehrt hatte, soll einmal auf seine erste Sinfonie und deren Ähnlichkeit zu Beethovens Fünfter angesprochen gesagt haben: "Ja, und jeder Depp merkt das sofort!". Eigentlich müsste man sagen, er habe sechs Sinfonien geschrieben, da seine beiden Klavierkonzerte eigentlich Sinfonien mit obligatem Klavier sind, insbesondere das zweite, nun auch schon viersätzige Konzert.

 

Die englische Suffragette und Komponistin Dame Ethel Smyth soll sich im Hinblick auf Brahms (den sie in Leipzig kennenlernte und der sie zu weiterem Komponieren ermutigte) über dessen mangelnde oder nicht vorhandene Instrumentierung beschwert haben. Ich kann dieser Dame selbst posthum nur empfehlen, sich einmal die Behandlung der Flöten und Hörner in Brahms erster Sinfonie anzuhören. In allen seinen Werken ist eine sehr sorgfältige Instrumentierung vorhanden. Es gibt einen typischen Brahmsklang, so wie wir einen typischen Beethoven- oder Mahlerklang ganz zweifelsfrei feststellen können. Sein Klaviersatz - zumeist von äußerster Dichte  - ist genauso typisch.

 

Nebenbei erfüllt es mich mit Freude (die törichte Emotionsqualität des Stolzes habe ich schon seit langem aktiv verlernt), dass die Musikhochschule meiner Heimatstadt Lübeck das Brahms-Institut beherbergt.

 

Ich will hier nicht auf weitere Werke eingehen, aber ich kann nur feststellen: Ich freue mich schon wieder auf den November, wenn von der Ruwer leichte Nebelschwaden aufsteigen: "Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt..."

 

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