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Meine wesentliche
Assoziation zu Brahms, d.h. jene, die sich am schnellsten einstellt, ist
ein trüber Novembertag. Das hängt mit seinem von mir hoch geschätzten
Klavierlied "Auf dem Kirchhofe" (Text Detlev von Liliencron) zusammen:
"Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt..." Das Trübe eines
Novembertages, dem Monat, an dessen erstem Tag meine Großmutter und ich
gemeinsam Geburtstag haben, schreckt mich nicht. Ich liebe diese
Stimmung, im übrigen weit entfernt davon, depressiv zu sein. An solchen
Tagen sitze ich selbst gern am Klavier und schreibe, hin und wieder nach
draußen schauend.
Dies ist jedoch nicht die
alleinige Vorstellung, die sich bei mir mit Brahms verknüpft. Der
Schöpfer der launigen und handfesten "Akademischen Festouvertüre" war in
seinen Wiener Zeiten auch ein ebenso feierlauniger und regelmäßiger
Puffgänger, der den Mädels gern mal eins aufspielte. Seine Herkunft aus
dem Hamburger Gängeviertel, wo er sich schon früh etwas Geld am Klavier
verdiente, bildete hierbei wohl den entsprechenden Untergrund.
Auf seine (immer wieder
breitgetretene)
Liebesbeziehung zu Clara Schumann, der wohl die Erfüllung versagt blieb, gehe ich hier nicht ein. Fest steht, dass
er sie und deren Kinder bis an Claras Lebensende auch finanziell
unterstützt hat. Brahms war ein äußerst erfolgreicher Komponist.
Was mir auch immer ein
Grinsen (nicht Lächeln) abnötigt, sind seine Sottisen gegenüber Bruckner
(wiewohl ihre Authentizität wohl meistenteils doch bezweifelt werden
muss), den er an dessen
Lebensende sehr bedauerte: "Bruckner
liegt jenseits, über seine Sachen kann man gar nicht reden. Er ist ein
armer verrückter Mensch, den die Pfaffen von St. Florian auf dem
Gewissen haben." Er soll sich zu dessen Begräbnisfeier
unbemerkt herbeigeschlichen und vor deren Ende tränenfeucht entfernt
haben.
Ein mich komplett
vereinnahmender Brahms
spricht zu mir aus seinen vier Sinfonien. Er, der sich immer gegen die
Bezeichnung "legitimer Nachfahre Beethovens" gewehrt hatte, soll einmal
auf seine erste Sinfonie und deren Ähnlichkeit zu Beethovens Fünfter
angesprochen gesagt haben: "Ja, und jeder Depp merkt das sofort!".
Eigentlich müsste man sagen, er habe sechs Sinfonien geschrieben, da
seine beiden Klavierkonzerte eigentlich Sinfonien mit obligatem Klavier
sind, insbesondere das zweite, nun auch schon viersätzige Konzert.
Die englische Suffragette
und Komponistin Dame Ethel Smyth soll sich im Hinblick auf Brahms (den
sie in Leipzig kennenlernte und der sie zu weiterem Komponieren
ermutigte) über
dessen mangelnde oder nicht vorhandene Instrumentierung beschwert haben.
Ich kann dieser Dame selbst posthum nur empfehlen, sich einmal die
Behandlung der Flöten und Hörner in Brahms erster Sinfonie anzuhören. In
allen seinen Werken ist eine sehr sorgfältige Instrumentierung vorhanden.
Es gibt einen typischen Brahmsklang, so wie wir einen typischen
Beethoven- oder Mahlerklang ganz zweifelsfrei feststellen können. Sein
Klaviersatz - zumeist von äußerster Dichte - ist genauso typisch.
Nebenbei erfüllt es mich
mit Freude (die törichte Emotionsqualität des Stolzes habe ich schon
seit langem aktiv verlernt), dass die Musikhochschule meiner Heimatstadt
Lübeck das
Brahms-Institut beherbergt.
Ich will hier nicht auf
weitere Werke eingehen, aber ich kann nur feststellen: Ich freue mich
schon wieder auf den November, wenn von der Ruwer leichte Nebelschwaden
aufsteigen: "Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt..." |