
Mit freundlicher Erlaubnis von
Andreas Hérm Baumgartner
Dirigent
Geschäftsführer der
Karl-Amadeus-Hartmann-Gesellschaft
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Meine erste Begegnung mit
Karl Amadeus Hartmann dürfte im Jahr 1960 gewesen sein. Christoph von
Dohnanyi führte damals im Rahmen der Sinfoniekonzerte in der
Lübecker Stadthalle das Adagio aus Hartmanns sechster Sinfonie auf. Ich
war von der Hartmannschen Tonsprache und Klangwelt sehr
beeindruckt. Wenn ich mir heute die Daten dieses Werkes
(geschrieben zwischen 1951/53) vergegenwärtige, so hörte ich es doch in
relativer Nähe zu seiner Entstehung. Und wie ich schon
weiter oben
erwähnte, hat dieses Adagio für mich etwas entschieden Beethovensches.
Es gibt Charakterisierungen
Hartmanns als größtem Adagiokomponisten seit Bruckner, der andere Tempi
nur eher rudimentär zur Einbettung seiner Adagii oder zur Kontrastierung
verwende. Eine solche bequemem Schubladendenken verhaftete Sichtweise
ist erstens falsch und leicht widerlegbar und kennzeichnet zweitens ihre
Besitzer als intellektuell und musikalisch doch wohl eher kurzatmig.
Schubladendenken wie überhaupt Stereotype besitzen zwar den
zweifelhaften Vorteil, den sich ihrer bedienenden Menschen von weiterem
Nachdenken, weiterer Beschäftigung mit dem in Rede stehenden Gegenstand
zu entlasten, können ihm, dem Gegenstand jedoch in keiner Weise gerecht werden. Die
Rolle, die in der Mathematik sehr sinnvoller Weise Axiome einnehmen,
wird im sozialen Leben von Vorurteilen (Schubladen) übernommen.
Beethoven: Man höre einmal
den Beginn von Hartmanns "Concerto funebre für Violine und
Streichorchester" und vergegenwärtige sich (am besten durch erneutes
Hören) den zweiten Satz aus Beethovens Violinkonzert D-Dur! Dann wird
die / der Eine oder Andere verstehen, was ich beim Adagio der Sechsten
mit "Beethovensch" meine. In eben diesem Concerto wird der sehr
ungestüme Mittelsatz von ca. 8 Minuten Länge umrahmt von einer
Introduktion (Largo) von anderthalb Minuten, einem Adagio von
siebeneinhalb Minuten und einem Choral (langsamer Marsch) von vier
Minuten (Aufnahme 2001 Vladimir Spivakov mit dem Gürzenich-Orchester
unter James Conlon). Dem schnellen Satz angesichts dieser zeitlichen
Relationen lediglich die Rolle eines Kontrastmittels zuerkennen zu
wollen, grenzt an Hirnrissigkeit, vom musikalischen Gehalt des Satzes
einmal gänzlich abgesehen.
Ja, aber die zweite
Sinfonie! Besteht sie nicht nur aus einem einzigen Adagio? Na und? Und
wo ist hier der lediglich dem Kontrast dienende schnellere Satz? Tempo
und Dynamik steigern sich in diesem einen Satz, um am Schluss in
einem Adagio der tiefen Streicher auszuklingen.
In der vierten Sinfonie
beginnt Hartmann "Lento assai - con passione", dem ein Mittelsatz
"Allegro di molto, risoluto" folgt, während der dritte und letzte Satz
mit "Adagio apassionato" überschrieben ist. Auch hier lassen
die zeitlichen
Erstreckungen keinesfalls den Schluss zu, die schnellere Passage
diene nur als Vorwand für die langsameren.
Karl Amadeus Hartmann ging
während des dritten Reiches in die innere Emigration.
Seine erste Sinfonie (1935/36) nach Gedichten Walt Whitmans bezeichnet
er als "Versuch eines Requiems". Hartmann litt wie Henze an dem
unsäglichen Grauen des Dritten Reiches. Dieses Leiden findet seinen
Ausdruck unter anderem in dem "Lamento" (1955), einer Kantate nach
Texten von Andreas Gryphius (1616-1664, siehe Abb.) für Sopran und
Klavier. Die letzten Textzeilen stammen von Hartmann selbst:
Friede den Menschen,
Friede den Toten,
Friede den Lebenden,
Friede, Friede, Friede.
Es erscheint mir von
besonderer Tragik, dass dieser tiefsinnige, hochexpressive Erneuerer der Sinfonik mit erst 58 Jahren starb.
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