Hartmann

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Karl Amadeus Hartmann 1905-1963

Mit freundlicher Erlaubnis von

Andreas Hérm Baumgartner 

Dirigent

Geschäftsführer der

Karl-Amadeus-Hartmann-Gesellschaft 

 

Meine erste Begegnung mit Karl Amadeus Hartmann dürfte im Jahr 1960 gewesen sein. Christoph von Dohnanyi  führte damals im Rahmen der Sinfoniekonzerte in der Lübecker Stadthalle das Adagio aus Hartmanns sechster Sinfonie auf. Ich war von der Hartmannschen Tonsprache und Klangwelt sehr beeindruckt. Wenn ich mir heute die Daten  dieses Werkes (geschrieben zwischen 1951/53) vergegenwärtige, so hörte ich es doch in relativer Nähe zu seiner Entstehung. Und wie ich schon weiter oben erwähnte, hat dieses Adagio für mich etwas entschieden Beethovensches.

 

Es gibt Charakterisierungen Hartmanns als größtem Adagiokomponisten seit Bruckner, der andere Tempi nur eher rudimentär zur Einbettung seiner Adagii oder zur Kontrastierung verwende. Eine solche bequemem Schubladendenken verhaftete Sichtweise ist erstens falsch und leicht widerlegbar und kennzeichnet zweitens ihre Besitzer als intellektuell und musikalisch doch wohl eher kurzatmig. Schubladendenken wie überhaupt Stereotype besitzen zwar den zweifelhaften Vorteil, den sich ihrer bedienenden Menschen von weiterem Nachdenken, weiterer Beschäftigung mit dem in Rede stehenden Gegenstand zu entlasten, können ihm, dem Gegenstand jedoch in keiner Weise gerecht werden. Die Rolle, die in der Mathematik sehr sinnvoller Weise Axiome einnehmen, wird im sozialen Leben von Vorurteilen (Schubladen) übernommen.

 

Beethoven: Man höre einmal den Beginn von Hartmanns "Concerto funebre für Violine und Streichorchester" und vergegenwärtige sich (am besten durch erneutes Hören) den zweiten Satz aus Beethovens Violinkonzert D-Dur! Dann wird die / der Eine oder Andere verstehen, was ich beim Adagio der Sechsten mit "Beethovensch" meine. In eben diesem Concerto wird der sehr ungestüme Mittelsatz von ca. 8 Minuten Länge umrahmt von einer Introduktion (Largo) von anderthalb Minuten, einem Adagio von siebeneinhalb Minuten und einem Choral (langsamer Marsch) von vier Minuten (Aufnahme 2001 Vladimir Spivakov mit dem Gürzenich-Orchester unter James Conlon). Dem schnellen Satz angesichts dieser zeitlichen Relationen lediglich die Rolle eines Kontrastmittels zuerkennen zu wollen, grenzt an Hirnrissigkeit, vom musikalischen Gehalt des Satzes einmal gänzlich abgesehen.

 

Ja, aber die zweite Sinfonie! Besteht sie nicht nur aus einem einzigen Adagio? Na und? Und wo ist hier der lediglich dem Kontrast dienende schnellere Satz? Tempo und Dynamik steigern sich in diesem einen Satz, um am Schluss in einem Adagio der tiefen Streicher auszuklingen.

 

In der vierten Sinfonie beginnt Hartmann "Lento assai - con passione", dem ein Mittelsatz "Allegro di molto, risoluto" folgt, während der dritte und letzte Satz mit "Adagio apassionato" überschrieben ist. Auch hier lassen die zeitlichen Erstreckungen  keinesfalls den Schluss zu, die schnellere Passage diene nur als Vorwand für die langsameren.

 

Karl Amadeus Hartmann ging während des dritten Reiches in die innere Emigration. Seine erste Sinfonie (1935/36) nach Gedichten Walt Whitmans bezeichnet er als "Versuch eines Requiems". Hartmann litt wie Henze an dem unsäglichen Grauen des Dritten Reiches. Dieses Leiden findet seinen Ausdruck unter anderem in dem "Lamento" (1955), einer Kantate nach Texten von Andreas Gryphius (1616-1664, siehe Abb.) für Sopran und Klavier.  Die letzten Textzeilen stammen von Hartmann selbst:

Friede den Menschen,

Friede den Toten, Friede den Lebenden,

Friede, Friede, Friede.

Es erscheint mir von besonderer Tragik, dass dieser tiefsinnige, hochexpressive Erneuerer der Sinfonik mit  erst 58 Jahren starb.

 

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