Henze

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Hans-Werner Henze 1926-????

Quelle: Deutsches Bundesarchiv

  B 145 Bild-F008277-0008

Urheber: Unterberg, Rolf

Die meisten Musikliebhaber werden bei dem Stichwort "Barcarole" das gleichnamige Stück aus Jacques Offenbach's (1819-1880) Oper "Hoffmanns Erzählungen" assoziieren. Ganz anders wendet sich Hans-Werner Henze dem ursprünglich venezianischen Gondellied zu. In seiner 1979 als Auftragswerk des Zürcher Tonhalle-Orchesters entstandenen "Barcarola per grande orchestra" (uraufgeführt 1980 unter Gerd Albrecht) gleitet eine ganz andere Barca dahin, nämlich eine, die den Styx (siehe Radierung von Gustave Doré), den Fluss zum Totenreich, befährt, um die Gestorbenen im Hades abzusetzen. Dies wird bewerkstelligt durch den Fährmann Charon, der seine Arbeitskameraden durch Blechbläserrufe herbeizitiert. Die eigentliche Barcarole wird als Bratschensolo vorgetragen, wonach ein schnellerer Teil wesentliche Teile des Lebens verkörpert, die der Sterbende kaleidoskopartig an sich vorüberziehen sieht. Sie erscheinen als Variationen der eigentlichen Barcarole, des Lebensthemas also (nach Hans Werner Henze im Begleitheft der EMI Classics CD, die einen Mitschnitt der Aufführung unter Sir Simon Rattle mit dem Birmingham Symphony Orchestra aus dem Jahre 1992 enthält. Mich hat diese Barcarole tief beeindruckt, man denke nur einmal an den fast Grauen erregenden Anfang! Das ist weit, weit entfernt von Jacques Offenbach, wobei diese Anmerkung keinesfalls abfällig gemeint ist.

 

Auf der gleichen CD befindet sich auch Henzes siebte Sinfonie, die unter seinen Sinfonien laut eigenem Bekunden einer klassischen Sinfonie am nächsten kommt. Der erste Satz (Tanz - Lebhaft und beseelt) modelliert einen deutschen Tanz, der zweite (Ruhig bewegt) in Liedform gleicht einem Klagelied. Der dritte Satz (Unablässig in Bewegung) stellt sich formal als Scherzo dar und verarbeitet die Leiden des in  einer Tübinger Nervenklinik eingesperrten Friedrich Hölderlin. Der vierte Satz (Ruhig, verhalten) nimmt Hölderlins Gedicht "Hälfte des Lebens" musikalisch auf:

Weh mir, wo nehm ich, wenn

Es Winter ist, die Blumen, und wo

Den Sonnenschein,

Und Schatten der Erde?

Die Mauern stehn

Sprachlos und kalt, im Winde

Klirren die Fahnen.

Insgesamt eine bedrückende musikalische Szenerie, die sich in beiden Werken manifestiert.

 

Seit Beethovens Neunter hat es mit neunten Sinfonien so eine Bewandtnis. Gustav Mahler, gesundheitlich angegriffen, schob zwischen seine gewaltige Achte und die eigentliche Neunte das Lied von der Erde. Seine Zehnte konnte er nicht mehr vollenden. Während der ertaubte Beethoven seine Neunte mit dem Schlusschor über Schillers Ode an die Freude beendet, erstellt Henze, sehr wohl um die Bedeutung einer neunten Sinfonie wissend, eine völlige Gegenwelt. Er schreibt (im Booklet zur Uraufführungs-CD, Berliner Philharmoniker unter Ingo Metzmacher 1997, EMI Classics): "Meine neunte Sinfonie befaßt*) sich mit der deutschen Heimat - so, wie sie sich mir dargestellt hat, als ich ein junger Mensch war, während des Krieges und schon zuvor. Sie entstand in Jahren intensivsten Umgangs mit dem Thema und war auch bezüglich der künstlerischen Anstrengung das Extremste, was ich je erlebt habe." Und etwas später heißt es: "Statt die Freude, schönen Götterfunken zu besingen, sind in meiner Neunten den ganzen Abend Menschen damit beschäftigt, die immer noch nicht vergangene Welt des Grauens und der Verfolgung zu evozieren, die weiterhin ihre Schatten wirft." Das Werk ist gewidmet "Den Helden und Märtyrern des deutschen Antifaschismus". Die Satzbezeichnungen mögen für sich sprechen:

 

I.    Die Flucht

II.   Bei den Toten

III.  Bericht der Verfolger

IV. Die Platane spricht

V.  Der Sturz

VI.  Nachts im Dom

VII. Die Rettung

 

Dieses zutiefst beeindruckende Werk dauert gut 55 Minuten und hinterlässt den Hörer (mir erging es so) tief erschöpft.

 

Wenn ich mich in diesem Beitrag auf die drei genannten Werke beschränke, nicht auf die doch noch folgende und vollendete zehnte Sinfonie (und frühere Sinfonien) eingehe, nicht auf andere Orchesterwerke und Kammermusik und nicht auf Henzes  Opern, so geschieht dies aus Gründen der Selbstbeschränkung. Die drei hier genannten Werke jedenfalls haben einen unauslöschlichen Eindruck bei mir hinterlassen und es geschieht immer wieder, dass ich sie hören will.

*) Henzes Text entstand vor der deutschen Rechtschreibreform. Um des korrekten Zitates willen habe ich ihn nicht verändert.

 

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