
Quelle: Deutsches Bundesarchiv
B 145 Bild-F008277-0008
Urheber:
Unterberg, Rolf |
Die meisten Musikliebhaber werden bei dem
Stichwort "Barcarole" das gleichnamige Stück aus Jacques Offenbach's
(1819-1880) Oper "Hoffmanns Erzählungen" assoziieren. Ganz anders wendet
sich Hans-Werner Henze dem ursprünglich venezianischen Gondellied zu. In
seiner 1979 als Auftragswerk des Zürcher Tonhalle-Orchesters
entstandenen "Barcarola per grande orchestra" (uraufgeführt 1980 unter
Gerd Albrecht) gleitet eine ganz andere Barca dahin, nämlich eine, die
den Styx (siehe Radierung von Gustave Doré), den Fluss zum Totenreich,
befährt, um die Gestorbenen im Hades abzusetzen. Dies wird
bewerkstelligt durch den Fährmann Charon, der seine Arbeitskameraden
durch Blechbläserrufe herbeizitiert.
Die eigentliche Barcarole wird als Bratschensolo vorgetragen, wona ch ein
schnellerer Teil wesentliche Teile des Lebens verkörpert, die der
Sterbende kaleidoskopartig an sich vorüberziehen sieht. Sie erscheinen
als Variationen der eigentlichen Barcarole, des Lebensthemas also (nach
Hans Werner Henze im Begleitheft der EMI Classics CD, die einen
Mitschnitt der Aufführung unter Sir Simon Rattle mit dem Birmingham
Symphony Orchestra aus dem Jahre 1992 enthält. Mich hat diese Barcarole
tief beeindruckt, man denke nur einmal an den fast Grauen erregenden
Anfang! Das ist weit, weit entfernt von Jacques Offenbach, wobei diese
Anmerkung keinesfalls abfällig gemeint ist.
Auf der gleichen CD befindet sich auch Henzes
siebte Sinfonie, die unter seinen Sinfonien laut eigenem Bekunden einer
klassischen Sinfonie am nächsten kommt. Der erste Satz (Tanz - Lebhaft
und beseelt) modelliert einen deutschen Tanz, der zweite (Ruhig bewegt)
in Liedform gleicht einem Klagelied. Der dritte Satz (Unablässig in
Bewegung) stellt sich formal als Scherzo dar und verarbeitet die Leiden
des in einer Tübinger Nervenklinik eingesperrten Friedrich
Hölderlin. Der vierte Satz (Ruhig, verhalten) nimmt Hölderlins Gedicht
"Hälfte des Lebens" musikalisch auf:
Weh mir, wo nehm ich,
wenn
Es Winter ist, die
Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im
Winde
Klirren die Fahnen.
Insgesamt eine bedrückende musikalische Szenerie,
die sich in beiden Werken manifestiert.
Seit Beethovens Neunter hat es mit
neunten Sinfonien so eine Bewandtnis. Gustav Mahler, gesundheitlich
angegriffen, schob zwischen seine gewaltige Achte und die eigentliche
Neunte das Lied von der Erde. Seine Zehnte konnte er nicht mehr
vollenden. Während der ertaubte Beethoven seine Neunte mit dem
Schlusschor über Schillers Ode an die Freude beendet, erstellt Henze,
sehr wohl um die Bedeutung einer neunten Sinfonie wissend, eine völlige
Gegenwelt. Er schreibt (im Booklet zur Uraufführungs-CD, Berliner
Philharmoniker unter Ingo Metzmacher 1997, EMI Classics): "Meine neunte
Sinfonie befaßt*) sich mit der deutschen Heimat - so, wie sie
sich mir dargestellt hat, als ich ein junger Mensch war, während des
Krieges und schon zuvor. Sie entstand in Jahren intensivsten Umgangs mit
dem Thema und war auch bezüglich der künstlerischen Anstrengung das
Extremste, was ich je erlebt habe." Und etwas später heißt es: "Statt
die Freude, schönen Götterfunken zu besingen, sind in meiner Neunten den
ganzen Abend Menschen damit beschäftigt, die immer noch nicht vergangene
Welt des Grauens und der Verfolgung zu evozieren, die weiterhin ihre
Schatten wirft." Das Werk ist gewidmet "Den Helden und Märtyrern des
deutschen Antifaschismus". Die Satzbezeichnungen mögen für sich
sprechen:
I. Die
Flucht
II. Bei den
Toten
III. Bericht der
Verfolger
IV. Die Platane spricht
V. Der Sturz
VI. Nachts im Dom
VII. Die Rettung
Dieses zutiefst beeindruckende Werk dauert gut 55
Minuten und hinterlässt den Hörer (mir erging es so) tief erschöpft.
Wenn ich mich in diesem Beitrag auf die drei
genannten Werke beschränke, nicht auf die doch noch folgende und
vollendete zehnte Sinfonie (und frühere Sinfonien) eingehe, nicht auf
andere Orchesterwerke und Kammermusik und nicht auf Henzes Opern,
so geschieht dies aus Gründen der Selbstbeschränkung. Die drei hier
genannten Werke jedenfalls haben einen unauslöschlichen Eindruck bei mir
hinterlassen und es geschieht immer wieder, dass ich sie hören will.
*) Henzes Text entstand vor der deutschen
Rechtschreibreform. Um des korrekten Zitates willen habe ich ihn nicht
verändert.
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