Historie

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Karl Stömplitzer (1912-1998): Historiker und Revolutionär Prof. Dr. Karl Stömplitzer (1912 in Königsberg geboren, 1998 in Malente-Gremsmühlen verstorben) war eine herausragende Forscherpersönlichkeit. Wer wie Winfried Hofmann und ich das Privileg hatte, ihm bei seinen Forschungen zu assistieren, kann diesen großartigen und generösen Mann niemals vergessen. Er entschied sich für das Studium der Geschichtswissenschaft und promovierte über die Eroberung einer Talsenke in der Holsteinischen Schweiz durch die Bismarckschen Truppen: "Der Kulenkampf, Strategie und Taktik in unwegsamem Gelände". Zeigt schon diese frühe Arbeit den scharfsinnigen Analytiker Stömplitzer, so sollte er mit der Axiomatisierung der Geschichtswissenschaft eine revolutionäre Idee in die Welt setzen.

 

Karl Stömplitzer erschloss sich schon frühzeitig die Erkenntnis, dass die Geschichtswissenschaft über das bloße Sammeln von Daten und deren mehr oder weniger gelungene Interpretation hinauskommen müsse, um als empirische Wissenschaft ernst genommen zu werden. Er entschloss sich, dem Beispiel der Mathematik und der Physik folgend, sein Fach zu axiomatisieren. Er setzte dabei auf Hilberts (1899) formalen Axiomenbegriff, demnach ein Axiom jede unabgeleitete Aussage ist. Diese Eigenschaft des Axioms ist rein formal. Die Evidenz eines Axioms spielt dabei keine Rolle, kann allerdings Gegenstand weiterer Betrachtungen werden.

 

Stömplitzer legt der Geschichtswissenschaft vier Axiome zugrunde. Aus ihnen soll sich das menschliche Handeln in den historisch betrachteten Zeiträumen erklären, d.h. ableiten lassen.

  •  Was nicht ist, kann noch werden (Generatoraxiom).

  •  Was weg ist, ist weg (Unwiederbringlichkeitsaxiom).

  •  Was man hat, das hat man (Possessivaxiom).

  •  Was sein muss, muss sein (Zwangsläufigkeitsaxiom).

Der Forderung einiger seiner Kritiker, es müsse als fünftes Axiom der Satz "Von nichts kommt nichts!" hinzugefügt werden, erteilte Stömplitzer eine scharfe Absage, dies auch mit dem Hinweis auf die moderne Physik, die gerade das Nichts als einen instabilen, hochenergetischen Zustand begreift, der somit zum Etwas drängt.

 

Nach Stömplitzer wird das Entstehen von etwas Neuem durch das Generatoraxiom (Was nicht ist, kann noch werden.) sowie das Zwangsläufigkeitsaxiom (Was sein muss, muss sein.) geregelt. Konservativismus und das Beharrungsvermögen bestimmter historischer Zustände werden durch das Possessivaxiom (Was man hat, das hat man.) erklärt. Und die oft zu hörende Hypothese, Geschichte wiederhole sich nicht, ist letzten Endes Folge des Unwiederbringlichkeitsaxioms (Was weg ist, ist weg.).

 

Der interessierte Leser unterziehe sich zu seinem eigenen Vergnügen und der Schärfung seines geschichtlichen Verständnisses der Aufgabe, unter Zugrundelegung dieser vier Axiome bestimmte Ereignisse zu erklären. Man betrachte einmal im Lichte des Unwiederbringlichkeitsaxioms die Auferstehung Christi! Wenn man hier von Ungereimtheiten spricht, formuliert man noch milde. Das wird viele nicht davon abhalten, weiterhin daran zu glauben, da bei diesem Personenkreis das Possessivaxiom eingreift. Und sie werden dann Trost suchend in die Kirche gehen (Zwangsläufigkeitsaxiom). Aber vielleicht wird auch hier bei einigen noch der Lichtstrahl der Erkenntnis durchbrechen (Generatoraxiom).

 

Als Karl Stömplitzer im Jahre 1998 eines Abends (am 21. Dezember) und anlässlich eines kleinen Umtrunks mit Winfried und mir eine leichte Schwäche fühlte, zitierte er auf niederdeutsch sein Zwangsläufigkeitsaxiom "Wat mutt, dat mutt!", goss sich noch einen anständigen Doppelkorn hinter die Binde und verschied. Unser erster Schmerz über den Verlust dieses bedeutenden Wissenschaftlers und Freundes wich alsbald der tiefen Überzeugung von seiner Größe (er maß an guten Tagen 1,96 m) und der Notwendigkeit, sein Gedankengut einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das tun wir hiermit und gern auch an dieser Stelle.

 

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