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In meinen Augen und Ohren
ist Gustav Mahler der größte Sinfoniker aller Zeiten. Seine 10 Sinfonien
(die letzte nicht vollendet) und das Lied von der Erde sind das für mich
in sinfonischer Hinsicht Bewegendste, das ich je gehört habe. Seine
Sinfonien müssen auch vor dem Hintergrund seiner Orchesterlieder gesehen
werden, die in Teilen als Themen Eingang in seine Sinfonien gefunden
haben. Nur ein Beispiel: "Ging heut morgen übers Feld" findet sich im
ersten Satz der ersten Sinfonie wieder.
Ich will mich hier nicht in
Schwärmereien über einzelne Werke verlieren. Aber seine Lieder sind mir
wirklich ans Herz gewachsen, seien es die "Lieder aus des Knaben
Wunderhorn", seien es die "Lieder eines fahrenden Gesellen", seien es
die "Kindertotenlieder". Ganz besonders lieb ist mir das
letzte der Lieder eines fahrenden Gesellen, "Die zwei blauen Augen". Ich
schaue mir zuweilen die Klavierfassung an und denke dann insbesondere
beim Schluss, wie unendlich schön das ist.
Ganz ähnlich geht es mir
bei dem Lied "Urlicht" (aus "Des Knaben Wunderhorn"), das uns in der
zweiten Sinfonie wieder begegnet. Es klingt so einfach, so ergreifend,
und kaum jemand bemerkt beim ersten Hören die ständigen Wechsel zwischen
4/4-, 3/4- und 5/4-Takten.
Apropos "Zweite Sinfonie"!
Ich bin Atheist und gedenke, dies auch zu bleiben. Wenn ich jedoch im
Schlusssatz die Altstimme und den sich dann anschließenden Sopran mit
dem in absichtlich schlichter Melodik gehaltenen Text
Alt:
O glaube, mein
Herz! O glaube:
Es geht dir nichts verloren!
Dein ist, ja Dein, was du gesehnt,
Dein, was du geliebt, was du gestritten!
O glaube: Du wardst nicht umsonst geboren!
Sopran:
Hast nicht umsonst gelebt, gelitten!
höre, dann mutiere ich zwar nicht zum Christen, aber es umfängt
mich eine tiefe Ruhe und Gelassenheit, weniger dem Text, als viel
mehr der Musik geschuldet.
Ich hatte das Glück, dieses
Werk und die anderen Sinfonien gespielt vom RSO Frankfurt unter
Eliahu
Inbal zu hören, und ich besitze auch alle CDs dieser Aufführungen. Somit
habe ich jederzeit die Gelegenheit, in den gigantischen Mahlerschen
Kosmos einzutauchen.
Unlängst zum 100. Todestag
Mahlers gab es in den Kulturprogrammen des Fernsehens verschiedene
Sendungen, die sich mit diesem Komponisten befassten. Unter anderem auch
eine mit dem von mir über alles geschätzten Bariton
Thomas Hampson, der unter anderem das
Lied "Ich bin der Welt abhanden gekommen" (Text Friedrich Rückert) sang.
Das ist mein Lied! Wenn ich hier an der Ruwer in der
Waldeinsamkeit sitze, kein Verkehr umflutet mich, außer einigen Vögeln
und dem entfernten Rauschen des Flusses ist nichts zu hören, dann bin
ich ebenfalls der Welt abhanden gekommen. Das sind die Augenblicke, in
denen ich wünsche, es möge auch keiner vorbeischauen.
Anlässlich des 100.
Todestages gab es natürlich auch viele Aufführungen Mahlerscher Werke,
darunter unter anderem die der neunten Sinfonie mit dem Concertgebouw
Orchester unter Bernhard Haitink. Eine so zerstückelte, das Hauptthema
kaum noch erkennen lassende und im Tempo absolut falsche
"Interpretation" habe ich noch nie gehört, so dass ich mich gezwungen
sah, bereits anfangs des ersten Satzes abzuschalten. Ich lasse mir doch
meinen Gustav nicht verhunzen! Und das bei dem ansonsten von mir
durchaus wohl gelittenen Haitink. Meine Frau, die ebenfalls zuhörte, empfand
dies völlig genauso. Wir konnten nicht begreifen, wie es zu einer
solchen Fehlleistung kommen konnte. Außer diesem bedauerlichen Ereignis
habe ich die Mahler-Sendungen im Fernsehen natürlich genossen und oft
bis in die späte Nacht gehört und gesehen.
Gustav Mahler ist nach dem
Urteil vieler und auch meiner Auffassung nach der Vollender der
Spätromantik und der Wegbereiter der Moderne. Gerade die erwähnte neunte
Sinfonie legt hierfür ein beredtes Zeugnis ab. Vergessen darf man in
diesem Zusammenhang auch nicht seine Förderung des jungen Arnold
Schönberg.
Mein erster Kontakt mit
Mahler fand via Radio statt. Ich muss damals ungefähr 16 oder 17 Jahre
alt gewesen sein, als ich aus dem Lied von der Erde den dritten Satz
"Von der Jugend" hörte (Den Anfang des Werkes hatte ich leider
verpasst). Das leicht exotische Flair (Pentatonik) dieses Satzes, die
wunderbare Melodie und der heitere Text ("Mitten in dem kleinen Teiche
steht ein Pavillon aus grünem und aus weißem Porzellan...") begeisterten
mich auf Anhieb. Oder im letzten Satz "Der Abschied", wenn die
Mezzosopranistin oder Altistin
ihre wunderbare Melodie vorträgt:

Ich befasste mich
näher mit Gustav Mahler, las über ihn in einem unser Schulbücher (Die
Garbe, Musikkunde Teil III, Von Berlioz bis Hindemith, Musikverlag Hans
Gerig, Köln, S.590-592) das folgende: "Hervorragender nervös-präziser
Dirigent, fanatischer Reformator der Opernbühne, als Komponist sehr
umstritten, ein ins Grenzenlose zielender, mit einem Riesenorchester
neue Klänge und monumentale Wirkungen erstrebender, die Architektur der
musikalischen Form auflösender, aus reflektierendem Verstand und
empfindlicher Reizsamkeit schöpfender, mit seiner waagerechten und ohne
konstruktive Beziehung schwingenden Polyphonie in die Zukunft
(Schönberg) weisender Spätromantiker." Man kann sich vorstellen,
dass ich bereits damals mehr als nur erbost, ja geradezu wütend war.
Hier wurde ja ein musikalischer Schwerverbrecher beschrieben. Wäre dies
Schulbuch nicht in der Nachkriegszeit erschienen, hätte man ihn wohl
unter entarteter Kunst suchen müssen. Was heißt hier "ohne konstruktive
Beziehung schwingende Polyphonie"? Der Autor dieses Schulbuchtextes - so
steht nach diesen Äußerungen zu vermuten - hat wohl nie einen Blick in
Mahlersche Partituren geworfen. Da sind allerorten konstruktive
Beziehungen zu finden und von einer aufgelösten Form habe ich auch
nichts bemerkt.
Gustav Mahler ahnte "Meine Zeit
wird kommen." und irrte sich hierbei nicht. Seine Zeit war bei mir schon
damals (1959) gekommen. |