Mahler

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Gustav Mahler 1860-1911

In meinen Augen und Ohren ist Gustav Mahler der größte Sinfoniker aller Zeiten. Seine 10 Sinfonien (die letzte nicht vollendet) und das Lied von der Erde sind das für mich in sinfonischer Hinsicht Bewegendste, das ich je gehört habe. Seine Sinfonien müssen auch vor dem Hintergrund seiner Orchesterlieder gesehen werden, die in Teilen als Themen Eingang in seine Sinfonien gefunden haben. Nur ein Beispiel: "Ging heut morgen übers Feld" findet sich im ersten Satz der ersten Sinfonie wieder.

 

Ich will mich hier nicht in Schwärmereien über einzelne Werke verlieren. Aber seine Lieder sind mir wirklich ans Herz gewachsen, seien es die "Lieder aus des Knaben Wunderhorn", seien es die "Lieder eines fahrenden Gesellen", seien es die "Kindertotenlieder". Ganz besonders lieb ist mir das letzte der Lieder eines fahrenden Gesellen, "Die zwei blauen Augen". Ich schaue mir zuweilen die Klavierfassung an und denke dann insbesondere beim Schluss, wie unendlich schön das ist.

Ganz ähnlich geht es mir bei dem Lied "Urlicht" (aus "Des Knaben Wunderhorn"), das uns in der zweiten Sinfonie wieder begegnet. Es klingt so einfach, so ergreifend, und kaum jemand bemerkt beim ersten Hören die ständigen Wechsel zwischen 4/4-, 3/4- und 5/4-Takten.

 

Apropos "Zweite Sinfonie"! Ich bin Atheist und gedenke, dies auch zu bleiben. Wenn ich jedoch im Schlusssatz die Altstimme und den sich dann anschließenden Sopran mit dem in absichtlich schlichter Melodik gehaltenen Text

 

Alt:

O glaube, mein Herz! O glaube:
Es geht dir nichts verloren!
Dein ist, ja Dein, was du gesehnt,
Dein, was du geliebt, was du gestritten!

O glaube: Du wardst nicht umsonst geboren!


Sopran:
Hast nicht umsonst gelebt, gelitten!


höre, dann mutiere ich zwar nicht zum Christen, aber es umfängt mich eine tiefe Ruhe und Gelassenheit, weniger dem Text, als viel mehr der Musik geschuldet.

 

Ich hatte das Glück, dieses Werk und die anderen Sinfonien gespielt vom RSO Frankfurt unter Eliahu Inbal zu hören, und ich besitze auch alle CDs dieser Aufführungen. Somit habe ich jederzeit die Gelegenheit, in den gigantischen Mahlerschen Kosmos einzutauchen.

 

Unlängst zum 100. Todestag Mahlers gab es in den Kulturprogrammen des Fernsehens verschiedene Sendungen, die sich mit diesem Komponisten befassten. Unter anderem auch eine mit dem von mir über alles geschätzten Bariton Thomas Hampson, der unter anderem das Lied "Ich bin der Welt abhanden gekommen" (Text Friedrich Rückert) sang. Das ist mein Lied! Wenn ich hier an der Ruwer in der Waldeinsamkeit sitze, kein Verkehr umflutet mich, außer einigen Vögeln und dem entfernten Rauschen des Flusses ist nichts zu hören, dann bin ich ebenfalls der Welt abhanden gekommen. Das sind die Augenblicke, in denen ich wünsche, es möge auch keiner vorbeischauen.

 

Anlässlich des 100. Todestages gab es natürlich auch viele Aufführungen Mahlerscher Werke, darunter unter anderem die der neunten Sinfonie mit dem Concertgebouw Orchester unter Bernhard Haitink. Eine so zerstückelte, das Hauptthema kaum noch erkennen lassende und im Tempo absolut falsche "Interpretation" habe ich noch nie gehört, so dass ich mich gezwungen sah, bereits anfangs des ersten Satzes abzuschalten. Ich lasse mir doch meinen Gustav nicht verhunzen! Und das bei dem ansonsten von mir durchaus wohl gelittenen Haitink. Meine Frau, die ebenfalls zuhörte, empfand dies völlig genauso. Wir konnten nicht begreifen, wie es zu einer solchen Fehlleistung kommen konnte. Außer diesem bedauerlichen Ereignis habe ich die Mahler-Sendungen im Fernsehen natürlich genossen und oft bis in die späte Nacht gehört und gesehen.

 

Gustav Mahler ist nach dem Urteil vieler und auch meiner Auffassung nach der Vollender der Spätromantik und der Wegbereiter der Moderne. Gerade die erwähnte neunte Sinfonie legt hierfür ein beredtes Zeugnis ab. Vergessen darf man in diesem Zusammenhang auch nicht seine Förderung des jungen Arnold Schönberg.

 

Mein erster Kontakt mit Mahler fand via Radio statt. Ich muss damals ungefähr 16 oder 17 Jahre alt gewesen sein, als ich aus dem Lied von der Erde den dritten Satz "Von der Jugend" hörte (Den Anfang des Werkes hatte ich leider verpasst). Das leicht exotische Flair (Pentatonik) dieses Satzes, die wunderbare Melodie und der heitere Text ("Mitten in dem kleinen Teiche steht ein Pavillon aus grünem und aus weißem Porzellan...") begeisterten mich auf Anhieb. Oder im letzten Satz "Der Abschied", wenn die Mezzosopranistin oder Altistin ihre wunderbare Melodie vorträgt:

 

 

 Ich befasste mich näher mit Gustav Mahler, las über ihn in einem unser Schulbücher (Die Garbe, Musikkunde Teil III, Von Berlioz bis Hindemith, Musikverlag Hans Gerig, Köln, S.590-592) das folgende: "Hervorragender nervös-präziser Dirigent, fanatischer Reformator der Opernbühne, als Komponist sehr umstritten, ein ins Grenzenlose zielender, mit einem Riesenorchester neue Klänge und monumentale Wirkungen erstrebender, die Architektur der musikalischen Form  auflösender, aus reflektierendem Verstand und empfindlicher Reizsamkeit schöpfender, mit seiner waagerechten und ohne konstruktive Beziehung schwingenden Polyphonie in die Zukunft (Schönberg) weisender Spätromantiker." Man kann sich vorstellen, dass ich bereits damals mehr als nur erbost, ja geradezu wütend war. Hier wurde ja ein musikalischer Schwerverbrecher beschrieben. Wäre dies Schulbuch nicht in der Nachkriegszeit erschienen, hätte man ihn wohl unter entarteter Kunst suchen müssen. Was heißt hier "ohne konstruktive Beziehung schwingende Polyphonie"? Der Autor dieses Schulbuchtextes - so steht nach diesen Äußerungen zu vermuten - hat wohl nie einen Blick in Mahlersche Partituren geworfen. Da sind allerorten konstruktive Beziehungen zu finden und von einer aufgelösten Form habe ich auch nichts bemerkt.

 

Gustav Mahler ahnte "Meine Zeit wird kommen." und irrte sich hierbei nicht. Seine Zeit war bei mir schon damals (1959) gekommen.

 

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