Min Jehann

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Min Jehan Dieses Gedicht des norddeutschen Dichters Klaus Groth hatte es mir schon immer angetan, einige andere von ihm ebenfalls. Dies meines Wissens seinem Bruder gewidmete  Gedicht gibt eine Rückschau aus dem Alter auf die Jugend. Ich bringe hier den Originaltext, daneben eine von mir versuchte hochdeutsche Fassung, zu der später noch einige Anmerkungen folgen.

Min Jehann

 

Ik wull, wi weern noch kleen, Jehann,

do weer de Welt so grot!

Wi seten op den Steen, Jehann,

weest noch, bi Nawers Sot.

An Heben seil de stille Maan,

wi segen, wa he leep,

un snacken, wa de Himmel hoch

un wa de Sot wul deep.

 

Weest noch, wa still dat weer, Jehann?

Dar röhr keen Blatt an Bom.

So ist dat nu ni mehr, Jehann,

as höchstens noch in Drom.

Och ne, wenn do de Scheper sung,

alleen int wide Feld:

ni wahr, Jehann? Dat weer en Ton!

De eenzige op de Welt.

 

Mitünner in de Schummerntid

denn ward mi so to Mod,

denn löppt mi’t langs den Rügg so hitt,

as domals bi den Sot.

Denn dreih ik mi so hasti um,

as weer ik nich alleen;

doch allens, wat ik finn, Jehann,

dat ist – ik sta un ween.

Mein Johann

 

Ich wollt’, wir wär’n noch klein, Johann,

da war die Welt so groß!

Wir saßen auf dem Stein, Johann,

weißt’ noch, bei Nachbars Brunn’.

Am Himmel zog der stille Mond,

wir sahen, wie er lief,

und sprachen, was der Himmel hoch

und was der Brunn’ wohl tief.

 

Weißt’ noch, wie still das war, Johann?

Kein Blatt rührt’ sich am Baum.

So ist das nun nicht mehr, Johann,

als höchstens noch im Traum.

Ach nein, wenn da der Schäfer sang,

allein im weiten Feld:

nicht wahr, Johann? Das war ein Klang,

der einzige auf der Welt.

 

Mitunter in der Dämmerung,

dann wird mir so zu Mut’,

dann läuft’s mir heiß den Rücken lang

wie damals bei dem Brunn’.

Dann dreh ich mich so hastig um,

als wär’ ich nicht allein;

doch alles, was ich find’, Johann,

das ist – ich steh und wein’.

 

Klaus Groth schrieb Dithmarscher, zum Teil Fehmarner Platt. Die Übertragung ins Hochdeutsche folgt so eng wie möglich dem Groth’schen Original unter gleichzeitiger Beibehaltung von Reim und auch Rhythmus. Weshalb Groth einmal „Heben“ für Himmel verwendet  und ein zweites Mal das hochdeutsche „Himmel“ bleibt sein Geheimnis, vielleicht "Heben" für den "physikalischen" Himmel und "Himmel" für den eher "transzendenten" Ort. Es ist ein wunderbares Gedicht, wie andere von Groth ebenfalls. Ich habe schon seit langem sein Gedicht "De Welt is rein so sachen" (Die Welt ist gar so still) im Auge. Mal sehen!

 

Das Lied ist für eine normale Orchesterbesetzung inklusive Harfe geschrieben worden, wobei letzterer als durchgängigem Begleitinstrument eine besondere Bedeutung zukommt. Sie verleiht dem Lied seinen Atem. Ein Wort zur Gesangsstimme! Das Lied ist für Tenor eingerichtet worden, kann aber durch einen nach unten oktavierenden Bass ebenfalls mühelos gesungen werden. Das gleiche gilt für Sopran- und Altstimmen.

 

Die Wiedergabe der Stimme in den folgenden Klangausschnitten erfolgt ohne Text auf der Silbe Ah. Anderes ist heute ohne Klangeinbußen (etwa bei "The Virtual Singer", klingt albern) nicht möglich. In den klanglich überzeugenderen Symphonic Choirs von East Western Quantum Leap können zwar die Chorstimmen Text wiedergeben, die Solostimmen für Sopran und Altstimmen  jedoch auch nur Ah und Oh, während Solostimmen für Tenor und Bass gar nicht vorgesehen sind.

 

Das Lied beginnt sehr schlicht (in Anlehnung an die Volksliedfassung) und die Vortragsbezeichnung für den Sänger lautet  "Mit schlichter Tongebung bis zum Schluss!" Der Text eignet sich nicht für sängerische Eskapaden.

Der Ich-Erzähler des Gedichtes erinnert sich an schöne ruhige Zeiten, wenn etwa der Schäfer seine Lieder sang: "...dat wär een Ton, de eenzige op de Welt". Hier setzt ein von Pauken unterstütztes Crescendo der Singstimme ein, der Gefühlsaufwallung des Erzählers Ausdruck verleihend.

 

 

Zuweilen wird dem Erzähler in der Dämmerung wieder wie früher zumute, aber es sind alles nur noch Schatten einer schönen Vergangenheit, die in ihm tiefe Trauer auslösen: "Doch allens wat ik finn Jehann, dat ist, ik sta und ween." Danach spielen nur noch die tiefen Streicher (Bratschen, Celli, Kontrabässe) weiter, wobei sie einerseits immer langsamer (ritardando) und anderseits stetig leiser (morendo al fine, d.h. ersterbend bis zum Schluss) werden. Als Bassinstrument gesellt sich zum Schluss noch das Kontrafagott ("Unmerklich einsetzen!") hinzu. Das Lied endet pianissimo.

 

 

 

 

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